Druckfrisch 2026



 

Drei Zyklen Kopf

Ausstellung in der ev. Kirche von Bonn Hangelar, 29.3. - 10.5.2026

Eine kleine Ausstellung in der ev. Kirche von Bonn Hangelar. Drei Zyklen aus der großen Kopf  - Werkreihe. Es kam zu einer eher ungewöhnlichen Hängung, aber so wird der Raum auf sehr eigne Weise ausgespannt. Die Holzschnitte mit den einfachen, kräftigen Formen konnte man gut aus der Ferne sehen; ähnlich wie Figurenskulptuen in hohen Kirchen. Den detailreichen Zyklus konnte man aus der Nähe betrachten.Die Reihen nehmen farblichen Kontakt zu den Glasfenstern auf und erweitern so den Kirchraum um einen weiteren Aspekt. Neben Kreuz, Altar, Taufbecken. Fensterbild kommt nun noch der Mensch bzw. der Menschentyp in den Andachtsraum.

 



 


 Die Eröffnungsrede

Sonntag, den 29. März 2026 um 11 Uhr 15



„Covid-Köpfe“ - „Groteske Helden“ – „Rauhzyklus“

*

Holzschnitte

von

Jürgen Middelmann

*

in der

Christuskirche in Hangelar

*

Kunst verändert den Raum: Bilder hängen hoch oben in der Christuskirche, Kunst im Raum an einem ungewohnten Ort. Die Bilder stehen auf Zementstreben, die das Kirchengewölbe tragen. Es ist ein sorgfältig ausgesuchter Ort, der nicht nur die Architektur neu dekliniert, sondern mit den drei Werkreihen „Covid-Köpfe“, „Groteske Helden“ und einem „Rauhzyklus“ von Jürgen Middelmann die Tragfähigkeit auch inhaltlich fortsetzt.

Gern stelle ich Ihnen zunächst den Künstler vor: Jürgen Middelmann ist 1962 in Wuppertal geboren. Von 1997 – 2000 studierte er an der „Freien Kunstakademie Rhein-Ruhr“ in Essen und seit 1999 hat er ein Atelier in Bonn, in dem er seit vielen Jahren Kunst unterrichtet. Seit 2012 leitet er das Kurfürstliche Gärtnerhaus, einen Kunstort in Bonn, in dem regelmäßig junge Gegenwartskunst präsentiert wird.

Er hat an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, eindrucksvoll waren zuvor seine abstrakten Holzschnittzyklen, so unter dem Titel die „Verschiebung der Sanduhr“ wo es 2017/18 um Licht und damit zugleich um die Frage nach Raum und Zeit ging. 2018/19 entstand sein Passionszyklus aus, in dem er sich gegenständlich narrativ auf die tradierten biblischen Bildgeschichten bezog. Dies war ein Vorläufer der heutigen Ausstellung.

2021 bis 2023 schuf er einen neuen großen Holzschnittzyklus unter dem Titel „Reise Reise“. Den Reisen lag auch ein Studienbesuch in Colmar zum Isenheimer Flügelaltar von Matthias Grünewald zugrunde. Der Künstler war auch von der räumlichen Anordnung angetan mit dem Hauptbild in der Mitte, das von kleineren Erzählmotiven umgeben war. In seinem Reise Zyklus erstellte er dann ein großes farbleuchtendes Hauptmotiv, das aus 17 Einzelmotiven besteht, die von 55 Druckplatten gedruckt wurden.

Schließlich erfolgte die Fokussierung auf das Thema Kopf. Schon ab 2006 entstanden dazu mehrere tausend Zeichnungen: „Bei mir fängt immer alles mit Zeichnungen an. Es ist ein Denken mit dem Stift“, sagt der Künstler, der sich mit diesem Stift in der Hand vor dem Fernseher sogar entspannt. Daraus erwuchsen auch diese Holzschnittzyklen, in denen es bei den Drucken keine Doppelung gibt, jedes Blatt ist anders.

Farbe, Form und Plastizität rückten durch das Verfahren, mehrere Platten übereinander zu drucken, immer mehr in den gestalterischen Vordergrund.

Dabei ergaben sich solche Überlagerungen wie in den „Covid-Köpfen“, mit einer geradezu unheimlichen Ausstrahlung, wo die Köpfe quasi aufgelöst werden und die Gesichtsteile sich kubistisch verschieben. Der Künstler nahm die Gesichter in der Corona-Zeit unter den Masken fragmentarisch wahr und setzte sie neu zusammen. Augen, Nase und Mund sind oft verschoben, dennoch wirken sie plastisch. Im Verfahren des „Verlorenen Schnittes“ wurde mit dem Beitel bei jedem neuen Druck etwas von der Druckplatte weggenommen, so dass die Platte durch den Arbeitsprozess verloren geht. Ein Nachdrucken gibt es also nicht. Der helle Bildgrund wirkt plastisch mit.

Daran schließen sich 2021 bis 2023, in einer neuen fast drängenden Präsenz die „Grotesken Helden“ an, jetzt auf dunklem Grund. Die schnellen Abendzeichnungen lassen nun, bisweilen in Karikaturen überführt, einen „Krieger“, auch einen „Musketier“ entstehen, wie auf der Einladung abgebildet. Daneben gibt’s den „Harlekin“, den „Vogelfänger“ oder den „Techniker“. Je Typ sind ca. 45 Abzüge von vier Druckstöcken entstanden. Accessoirs, kleine Embleme und Beigaben (wie die Glöckchen an der Narrenkappe) sind ersichtlich, alles gehöre, wie Jürgen Middelmann betont, „zu einer lebendigen Gesellschaft“.

Und dieses alles zerbricht dann wieder in dicke Brocken in dem jüngsten Rauhzyklus, entstanden zu Silvester 2024. Hier geht es schroffer und scharfkantiger zu, fast zyklopenhaft. Diesem Zyklus mit 206 Blättern liegen 40 Zeichnungen zugrunde, übertragen auf 6 Druckstöcke auch wieder im Verlorenen Schnitt der Platte entstanden.

Ein Kopf ist ja in unserer Wirklichkeit ein plastisch 3dimensionales Gebilde.- Auf dem Blatt sind die Köpfe aber weder perspektivisch noch raumillusionistisch gesehen und doch wirken sie plastisch, kraftvoll kaleidoskopartig und kernig klar, aber zugleich auch wieder verunklart im Ganzen. Einzelne Akzente treten schlaglichtartig hervor und verschwinden wieder. Es bildet sich neue Formen des Verschobenseins und der Verflochtenheit heraus, fast wie eine Undercover Existenz. Sind es überhaupt immer andere Typen oder sind es nur andere Stimmungen eines einzigen Menschen? Und doch ist alles durchaus abhängig vom Auge der Betrachtenden. Die Fernwirkung an den Zementbändern tut ein Übriges, der Betrachtungsabstand ist vorgegeben.

Ein Künstler ist ein Künstler, wenn er in seiner Zeit und zugleich außerhalb seiner Zeit steht. Er schöpft wissentlich oder unwissentlich aus der Tradition, ohne dass er manchmal weiß. Lassen wir die Tradition der christlichen Kunst mal – gerade auch ihrer Handwerklichkeit wegen- im Mittelalter beginnen.

Etwa vom 12. Jh. an, ist das Wort „Ars“ = Kunst ganzheitlich zu verstehen. Damals dienten alle Verfahren, seien sie handwerklich, instrumental oder intellektuell dazu, einen unbearbeiteten Stoff zu zähmen und ihn für immer raffiniertere Verwendungen brauchbar zu machen. Handwerkliche Techniken, Ethik und Ästhetik gingen ineinander über. Und ganz aktuell neu hat der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt für die Kunstbetrachtung herausgefunden: „Die höchste Liebe und die höchste Kunst ist die Andacht.“ (Was für ein mittelalterliches Wort)

Die Spiritualität ist im abendländischen Europa christlich geprägt. Der französische Mediävist Georges Duby stellte fest: „Ein Kunstwerk ist im Grunde der Versuch, die Grenze, die die gewöhnliche, banale Welt, die die sichtbare von der unsichtbaren, der „anderen“ Welt trennt, zu überschreiten, zu durchbrechen. Kunst und Spiritualität sind miteinander verbunden.

Das war durch die Jahrhunderte so bei den Altarbildern, die neben der Andacht der christlichen Unterweisung für die Nicht-Lesenden dienten. Symbolistisch aufgeladen wurden die Bilder der Nazarener und die bebilderten Hausbibeln von Schnorr von Carolsfeld um1800. C.D, Friedrich, der von 1774 -1840 gelebt hat überhöhte die Natur und es gelang ihm, eine pantheistische Spiritualität zu vermitteln. Die Wissenschaften entwickelten sich immer weiter, die gesellschaftlichen Reibungen auch.

Und dabei stellen sich auch die ethischen und ästhetischen Fragen, z. B. wie eng Schönheit mit Wahrheit verbunden? Paula Modersohn-Becker meint: „Schönheit ist die Stärke, mit der ein Gegenstand erfasst wird.“ (Und ich sage gern: Die Kraft, die man in ein Kunstwerk eingibt, kommt auch wieder heraus)

Für unsere Zeit hat der Kubismus im 20. Jahrhundert das Menschenbild existentiell hinterfragt und darum gerungen, als Otto Dix oder Max Beckmann nicht die Kriegstüchtigkeit sondern expressive Hilflosigkeit und Verzweiflung wiedergegeben haben. Und ein die Wirklichkeit verzerrender Surrealismus (Max Ernst, Hans Arp) wird zu einer trotzigen Antwort auf die Torheit der Welt.

Zurück zu diesen Köpfen: Entstanden ist hier eine Mischung von kreativer Inspiration und äußerster handwerklicher Akribie im Sinne der alten Arsauffassung.

Was bringen die Verdichtungen, die Zersplitterungen im Übereinanderdrucken? Wann wird ein Mehr zu einem Zuviel, wenn 72 Drucke für eine einzige Tafel zusammengefügt werden ? „Eigentlich setzt sich meine Arbeit aus beidem zusammen, dem Gewollten und dem nicht mehr Planbaren“, sagt der Künstler. Wo liegen die Grenzen? Es sind die individuellen Entscheidungen eines Künstlers.

Wann führen diese Spannungen in das Paradoxe? Oder anders, müssen sie nicht zum Paradoxen führen? Wird das Paradoxe, das Widersprüchliche, das nicht auflösbar ist, vielleicht gerade auch zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit?

<Paradox ist unsere Wahrnehmung der Welt im Zeitalter des Anthropozäns, wo uns ein Zirkelschluss nach dem anderen erwartet. Man hat erforscht, dass es ohne Erdatmosphäre kein biologisches Leben und ohne biologisches Leben keine Erdatmosphäre gibt. Also müssen Biosphäre und Atmosphäre zusammen ein homostatisches System bilden, das die Schwankungen aussteuert in einem selbst regelnden Systemzusammenhang, der aber -man höre- schwersten durch den so wissenschaftlichen Menschen bedroht ist. Oder: Passend zu unserer hohen sozialen Sensibilität mitsamt dem Gendern und den filigranen empathischen Verästelungen in unserer Sprache zeigen sich paradoxerweise neue brutalste Kriege, die wir nicht steuern können, ebenso wenig können wie den ausbeuterischen Umgang mit unserem blauen Planeten.>

Zurück zur Kunst, die durch ihre homostatische Wirkung immer sehr mächtig war und ist, und deshalb als not-wendig gebraucht wurde und die das Zeug hat, zu einem Teil der eigenen Weltsicht des Kunstbetrachtenden werden zu können. Sie führte als Hauptbestandteil der Kultur immer auch zu Feiern und Festen, indem sie das Gleichgewicht zur Welt wieder herstellte. Und daher war sie ebenso not-wendig wie das Alltägliche.

<Vielleicht sollte man das bei der Entwidmung der vielen Kirchen hier einmal mitbedenken. Duby hat übrigens erforscht, dass weltliche und religiöse Feste im Mittelalter eng verbunden waren, die weltlichen Relikte seien im Laufe der Geschichte aber viel schneller verschwunden.>

Geben wir ihm noch einmal das Wort: „Das Kunstwerk entspringt aus dem Dunkel, es verneint das Dunkel, es ist ein Aufblitzen vor dem Licht, dem sichtbarsten Ausdruck des Göttlichen“. Eben das haben wir ein bisschen an diesem Tag in diesem Raum einzufangen versucht.

Heidrun Wirth


 

Osterbild

Das Osterbild bekommt ein Zuhause

Anfang März 2026 wird das Osterbild verkauft und landet in einem Finanzberatungsbüro in der Bonner Südstadt. Bis dahin hatte ich das Bild als Rolle gelagert und nun für die endgültige Hängung auf einen Rahmen gespannt. so ergeben sich seine endgültigen Maße mit 280 x 175 cm. Es hat dort im Raum viel Platz und Licht und macht das Umfeld sonnig gelb. 

Dieses Bild entstand Anfang 2019 und wurde dann um selben Jahr im April zum ersten Mal in der ev. Kirche Krähwinklerbrücke ausgestellt. Es wurde mit den Druckstöcken des Passionszyklus gedruckt, womit sich ein inhaltlicher Zusammenhang bildete.Über den Leidensweg gelangen wir zu Ostern.

 

endgültige Hängung im Büro

 

 

 
Das Bild wurde auf einen Rahmen gespannt und steht im Atelier.
Es wurde örtlich Maß genommen.
 
 
 


- erste Ausstellung in der ev. Kirche von Kräwinklerbrücke, 2019
- Ausstellung in der ev. Kirche in Bonn Beuel, 2021
- Ausstellung bei der druckgrafischen Retrospektive in Sinzig, 2021 
 
 
 
 


 Anfang 2019 - das Bild wir gedruckt

EN - COURS - IM PROZESS

 


 Ausgestellte Arbeiten: Move I und die zugehörigen Druckplatten
 

Mit der Kuratierung der Arbeiten hadere ich sehr. Es sollte ein Prozess eingereicht werden und in die Ausstellung gelangten dann zwei der vier Bilder und die Druckstöcke. Die Druckstöcke waren völlig sinnlos, außer das man gerne so was handwerkliches sieht. Das zwei Bilder nicht gezeigt werden kappt den Zyklus bzw. den Prozess um die Häfte. Die Idee dieser Arbeit (sh. älterer Post vom 25.101.2025) ist damit kaputt. Es ging um Bewegung in drei Kopfansichten mit übereinander gedruckten Zuständen und dann die Vereinigung der drei Bewegungsstadien zu einem neuen Motiv. Im digitalen Katalog wird es etwas besser herausgearbeitet. In der Ausstellung ist das alles kaum mehr nachvollziehbar. Schade, weil diese Ausstellung den Prozess zum Thema machte.   

 

 

Digitaler Katalog

 

KuLi Nr. 12

Die Veranstaltung zum Heft 

 


 
 
 
 
Die Lesung 
 
 
 Ca. 40 Gäste sind gekommen und Thomas Kaut führt durch den Abend
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Ausstellung
 



 

Öffentliche Veranstaltungen im Jahr 2026


27.2. Lesung der KuLi Literaturgruppe mit Bildern 2001 - 2024

– Veranstaltungsort: ATELIER MIDDELMANN

Literatur, Malerei, Druckgrafik

 

8.3. Vernissage der Gruppenausstellung "Im Prozess"

– Veranstaltungsort: Pumpwerk Siegburg

Druckgrafik 

 

29.3. Drei Zyklen "Kopf" 

– Veranstaltungsort: Christuskirche, Bonn Hangelar. Gottesdienst mit anschließender Vernissage

Druckgrafik 


17.4. Vernissage der Gruppenausstellung DRUCKFRISCH 

– Veranstaltungsort: VhS Bergisch Gladbach

 Druckgrafik


30.8. Vernissage der Einzelausstellung ReiseReise 

– Veranstaltungsort: Kunstraum Bad Honnef

Malerei, Zeichnung Druckgrafik 



Jahresbericht 2025

 

Bemerkungen: Im Jahr 2025 konnte der große Kopfzyklus abgeschlossen werden. Er wurde 2019 mit dem Nachtzyklus begonnen und endete nun mit dem 12. Zyklus, dem Move I+II. Es fehlt noch ein großes Abschlussbild. Zudem habe ich in diesem Jahr zum ersten Mal eine schlüssige Verbindung zwischen Zeichnung, Grafik und Bild hergestellt. So begann der Tumpzyklus mit ca. 80 Kohlezeichnungen. Die Grafik und die Bilder wurden dann parallel gearbeitet und befruchteten sich gegenseitig (z.B. Farbigkeit). Mit Move I+II brachte ich die Bewegung in der Grafik auf ein anderes Level.

Seitens der bildnerischen Entwicklung war es ein sehr erfolgreiches Jahr. Es wird nun Zeit wieder Einzelausstellungen durchzuführen und diese ersten ReiseReise Ergebnisse im Zusammenhang zu veröffentlichen. Die Weichen wurden auch in diesem Jahr dafür gut gestellt.

Eine ganz besondere Anschaffung wurde im Herbst des Jahres getätigt. Nach sehr langer Zeit habe ich endlich meine Druckwerkstatt mit ordentlicher Druckpresse einrichten können. Vier Grafiken konnten im zweiten Halbjahr so gedruckt werden. Die Arbeitsabläufe funktionieren hervorragend und es können nun größere Grafiken problemlos gedruckt werden.

 



Ausstellungsbeteiligung

  • Druckfrisch, Bergisch Gladbach (sh. älterer Post)

  • Truc Troc, Künstlerforum Bonn

Offenes Atelier 2025 (sh. älterer Post)

KuLi – Zeitschrift für Kunst & Literatur 1/2026, Auflage 150 Stück (sh. älterer Post)

Einrichtung der Druckwerkstatt und neue Druckpresse (sh. älterer Post) 

 

629 druckgrafische Blätter

330 Zeichnungen

6 Bilder 

Jahresblatt 2025

 

Entstehungszeitraum: November - Dezember 2025

Format: 42 x 29,7 cm (Papier), Druck 34 x 25,5 cm

Papier: boesner Akademiepapier 200 g/m²

Auflage: verschiedene Farbvarianten mit ca. 3 Abzügen

3 Druckstöcke und Grundplatte, insg. 4 Stöcke

Mit Künstlerexemplaren insgesamt 42 Blätter

 

Das Jahresblatt 2025 wurde wieder wie die Jahresblätter 2021 - 2023 gearbeitet. Es gibt also für jede Farbe eine Platte. Das Blatt wurde in verschiedenen Varianten gedruckt und z.T. auch gestempelt. 

Hier nun die eingearbeiteten Themen:

  • Grundthema bezieht sich auf den Spruch von Kanzler Merz zum Stadtbild (auch gestempelt)
  • Wir sehen im Zentrum das Portrait von Margot Friedländer (gestorben im Jahr)
  • Der Papst (wurde gewählt)
  • Herr Söder mit einer Wurst
  • Die Parade von Ann Kathrin Berger bei der EM der Frauen
  • Die Zölle aus Amerika
  • Der Hitlergruß von Elon Musk
  • Das crazy als Jugendwort des Jahres
  • Die Regenbogenfahne (die nicht gehisst werden durfte)
  • Krieg von Gaza und der Ukraine als Fassadengerippe  

 KuLi - Zeitschrift für Kunst & Literatur

 

Titelseite: Bewegte Ruhe, 200 x 180 cm, Öl auf Leinwand, 2009


Ich begann etwa im Jahr 2000 mit Arbeiten, die die Wahrnehmung der Welt in ein surreales Bildgefüge übertragen. Figuren, Räume und Gegenstände tauchen auf und scheinen auf einer imaginären Bühne zu agieren. Sie folgen einer Bildlogik und setzen den Motor des Beobachtens und Rätselns in Gang. Diesen Bildern eignete eine konventionelle Figurenanlage und eine eher tonige Farbigkeit. Zwei langjährige Diskurse folgten diesem ersten Werkkomplex. Zunächst untersuchte ich die Farbe und verbannte dabei Gegenständlichkeit und Figuration. Anschließend konzentrierte ich mich auf das Erscheinen von Plastizität aus der Fläche. Hierbei verschwand dann auch die Farbe. Seit 2018 wandte ich mich wieder der Narration in den Bildern zu. Mittlerweile hatte ich mir die Druckgrafik in Form des Holzschnittes nutzbar gemacht und entwickelte im folgenden einen eigenen Zugang zur Figur, insbesondere zum Kopf. 2022 begann ich, an die alten Bildwelten anzuknüpfen. Sie wurden nun in den drei Disziplinen Zeichnung, Druckgrafik und Malerei vorangebracht. Jede bildnerische Form hat dabei eine spezielle Aufgabe. Die Zeichnung dient dem Sammeln von Ideen: Alles darf raus und kommt mit Kohle auf das Papier. Der Holzschnitt macht die Formen und Motive dingfest und verankert sie als Schnitt im Holz. Dabei werden mögliche atmosphärische Farbigkeiten ausgelotet. Die größtmögliche malerische Differenzierung wird dann im Bild auf die Leinwand gebracht. Alles bildet einen Prozess und bereichert sich gegenseitig. So ist über die Jahre ein Werkgefüge entstanden, welches von außen heterogen erscheinen mag aber innen ein gebautes Gerüst beherbergt.

 

 

  Frühstück am Mittwoch, 220 x 150 cm, Acryl auf Papier, 2002

 

 


Durchdringung, 200 x 180 cm, Öl auf Leinwand, 2009



 

Sichtbar werden, 90 x 100 cm, Öl auf Leinwand, 2011 

 

 

 

 
My time, 190 x 240 cm, Tempera auf Leinwand, 2012

 

 

 Rainer Maria Gassen Geschenkter Zeit


Geschenkter Zeit sieht niemand an, ob ihr

auch Dauer eigen ist; und ließe sich

erahnen, wann auch sie ihr Ziel erreicht

, sie diente nicht einmal bescheid’nen Zwecken;

 


Alte hadern, Junge leben lieber

 in ihr, als ihr Zwecke zuzuschreiben,

 doch wie qualvoll ist die je nachdem zu

kurz bemessen oder zieht sich ungeniert

 


unendlich hin, verwegen, ihren Wert

 zu fassen, nachgerade unsinnig

 ihn zu beziffern, rinnt sie doch nach ihrem

 


eigenen Bedarf, und meint in seinem

 Unverstand ein armer Mann, er wollt‘ sie

 nutzen, ist sie lange schon Erinnerung.

 

 


Verschiebung der Sanduhr (Motiv 4 und 8 von 27), 66 x 40 cm, Holzschnitt auf Papier (4 Abzüge), 2017

 

 


Jahresblatt 2021, 34 x 25,5 cm, Holzschnitt auf Papier (145 Abzüge in unterschiedlichen Varianten), 2021 

In der Nacht, 70 x 100 cm, Holzschnitt auf Papier (14 Abzüge mit unterschiedlichen Farben), 2022



 

 

 

ReiseReise – Der Aufbruch, 170 x 126 cm, Holzschnitt auf Leinwand, 2023

 

Irma Shiolashvili
Brombeercocktail
für Eva


Wir alten Freunde gingen zu einem neuen Café, zu einem noch unvertrauten Café, zu einem noch nicht ins Herz geschlossenen Café, um den gewünschten Cocktail zu trinken, um über tausend Dinge zu sprechen. Ich hätte gerne einen Brombeercocktail, einen Cocktail mit Eiswürfeln, mit viel Zucker und Likör, mit noch unentdeckten Geschmacksrichtungen, sagte ich laut und strich mit meinem Finger über den blauen Tisch
Brombeeren erinnern mich schon lange an den Tod und an Blutflecken. Als bei uns im Dorf geschossen wurde, lag ich in Brombeersträuchern. Der Geschmack von Brombeeren haftete an meinen zitternden Händen! So muss der Tod schmecken, stellte ich mir vor. Ständig ist in mir dieser Tod mit dem Geschmack nach Brombeeren, sagte unsere syrische Freundin und strich sich mit ihren sonnengebräunten Händen die brombeerfarbenen Haare zurecht.
Brombeeren sind meine Lieblingsbeeren, dornig wie die Liebe. Anziehend steht der Strauch mit seinen stachligen Ästen und zählt seine Sommer und lädt uns mit schwarzen Augenstrahlen zu sich ein. Die Dornen sind seine Würde. Deshalb sind sie für mich der Liebe ähnlich. — Du musst dir erst die Hand zerkratzen, bevor du es genießen kannst. Ständig ist in mir die Liebe mit dem Geschmack nach Brombeeren, sagte unsere kroatische Freundin und blickte kurz auf den an ihrem Mittelfinger angebrachten schlichten Ring mit schwarzem Gagat.

Brombeeren schmecken für mich wie die Hände meiner Mutter, wie eingelegte Früchte und Konfitüren, die meine Mutter jeden Herbst kochte und dazu meine Schwester und mich zu Hilfe rief. Wir sortierten und wuschen die Brombeeren und mit hellen freudigen Rufen beobachteten wir die süß befleckten Hände der Mutter. Ständig sind in mir diese Hände mit dem Geschmack nach Brombeeren, sagte unsere deutsche Freundin. Und aus ihren schönen blauen Augen ließ sie die zurückgehaltene gesammelte Süße der Kindheit herausrollen.
Ich aber saß und erzählte nicht, dass einmal, als ich und meine Schwester zum Beerenpflücken in den Wald gingen, wir bei den Brombeeren ausrutschten und unser Glück in den Dornen hängen blieb.
Wir zogen einander die Dornen heraus und pflückten trotzdem mit blutigen Händen weiter die Beeren. Ihre Süße ließ uns den Schmerz vergessen. Ich habe die Süße der Brombeeren vermisst, sagte ich doppeldeutig und strich mit meinem Finger über den blauen Tisch.

Übersetzung aus dem Georgischen: Joachim Britz

 

 

 

ReiseReise, 78 x 70 cm, Kohle auf Papier, 2023

 


AbGrund, 240 x 190 cm, Tempera auf Leinwand, 2023/2024

 

IMPRESSUM
KuLi – Zeitschrift für Kunst und Literatur, hrsg. vom Verein zur Förderung von Kunst und Literatur KuLi e.V. in Bonn, erscheint jährlich. Auflage 150; Preis: € 5,00
Redaktion: Renate Fröhlig-Striesow, Katja Kaut, Thomas Kaut, Eva Mayer-Flügge
Layout: Thomas Kaut — Druck: WIRmachenDRUCK GmbH, Backnang
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