Drei Zyklen Kopf
Ausstellung in der Christuskirche von Bonn Hangelar, 29.3. - 10.5.2026
Eine kleine Ausstellung in der ev. Kirche von Bonn Hangelar. Drei Zyklen aus der großen Kopf - Werkreihe. Es kam zu einer eher ungewöhnlichen Hängung, aber so wird der Raum auf sehr eigne Weise ausgespannt. Die Holzschnitte mit den einfachen, kräftigen Formen konnte man gut aus der Ferne sehen; ähnlich wie Figurenskulptuen in hohen Kirchen. Den detailreichen Zyklus konnte man aus der Nähe betrachten.Die Reihen nehmen farblichen Kontakt zu den Glasfenstern auf und erweitern so den Kirchraum um einen weiteren Aspekt. Neben Kreuz, Altar, Taufbecken. Fensterbild kommt nun noch der Mensch bzw. der Menschentyp in den Andachtsraum.
Die Eröffnungsrede
Sonntag, den 29. März 2026 um 11 Uhr 15
„Covid-Köpfe“ - „Groteske Helden“ – „Rauhzyklus“
*
Holzschnitte
von
Jürgen
Middelmann
*
in
der
Christuskirche in Hangelar
*
Kunst verändert den
Raum: Bilder hängen hoch oben in der Christuskirche, Kunst im Raum
an einem ungewohnten Ort. Die Bilder stehen auf Zementstreben, die
das Kirchengewölbe tragen. Es ist ein sorgfältig ausgesuchter Ort,
der nicht nur die Architektur neu dekliniert, sondern mit den drei
Werkreihen „Covid-Köpfe“, „Groteske Helden“ und einem
„Rauhzyklus“ von Jürgen Middelmann die Tragfähigkeit auch
inhaltlich fortsetzt.
Gern stelle ich
Ihnen zunächst den Künstler vor: Jürgen Middelmann ist 1962 in
Wuppertal geboren. Von 1997 – 2000 studierte er an der „Freien
Kunstakademie Rhein-Ruhr“ in Essen und seit 1999 hat er ein Atelier
in Bonn, in dem er seit vielen Jahren Kunst unterrichtet. Seit 2012
leitet er das Kurfürstliche Gärtnerhaus, einen Kunstort in Bonn, in
dem regelmäßig junge Gegenwartskunst präsentiert wird.
Er hat an
zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, eindrucksvoll waren zuvor
seine abstrakten Holzschnittzyklen, so unter dem Titel die
„Verschiebung der Sanduhr“ wo es 2017/18 um Licht und
damit zugleich um die Frage nach Raum und Zeit ging. 2018/19
entstand sein Passionszyklus aus, in dem er sich
gegenständlich narrativ auf die tradierten biblischen
Bildgeschichten bezog. Dies war ein Vorläufer der heutigen
Ausstellung.
2021 bis 2023 schuf
er einen neuen großen Holzschnittzyklus unter dem Titel „Reise
Reise“. Den Reisen lag auch ein Studienbesuch in Colmar zum
Isenheimer Flügelaltar von Matthias Grünewald zugrunde. Der
Künstler war auch von der räumlichen Anordnung angetan mit dem
Hauptbild in der Mitte, das von kleineren Erzählmotiven umgeben war.
In seinem Reise Zyklus erstellte er dann ein großes farbleuchtendes
Hauptmotiv, das aus 17 Einzelmotiven besteht, die von 55 Druckplatten
gedruckt wurden.
Schließlich
erfolgte die Fokussierung auf das Thema Kopf. Schon ab 2006
entstanden dazu mehrere tausend Zeichnungen: „Bei mir fängt immer
alles mit Zeichnungen an. Es ist ein Denken mit dem Stift“, sagt
der Künstler, der sich mit diesem Stift in der Hand vor dem
Fernseher sogar entspannt. Daraus erwuchsen auch diese
Holzschnittzyklen, in denen es bei den Drucken keine Doppelung gibt,
jedes Blatt ist anders.
Farbe, Form und
Plastizität rückten durch das Verfahren, mehrere Platten
übereinander zu drucken, immer mehr in den gestalterischen
Vordergrund.
Dabei ergaben sich
solche Überlagerungen wie in den „Covid-Köpfen“, mit
einer geradezu unheimlichen Ausstrahlung, wo die Köpfe quasi
aufgelöst werden und die Gesichtsteile sich kubistisch verschieben.
Der Künstler nahm die Gesichter in der Corona-Zeit unter den Masken
fragmentarisch wahr und setzte sie neu zusammen. Augen, Nase und Mund
sind oft verschoben, dennoch wirken sie plastisch. Im Verfahren des
„Verlorenen Schnittes“ wurde mit dem Beitel bei jedem neuen Druck
etwas von der Druckplatte weggenommen, so dass die Platte durch den
Arbeitsprozess verloren geht. Ein Nachdrucken gibt es also nicht. Der
helle Bildgrund wirkt plastisch mit.
Daran schließen
sich 2021 bis 2023, in einer neuen fast drängenden Präsenz die
„Grotesken Helden“ an, jetzt auf dunklem Grund. Die
schnellen Abendzeichnungen lassen nun, bisweilen in Karikaturen
überführt, einen „Krieger“, auch einen „Musketier“
entstehen, wie auf der Einladung abgebildet. Daneben gibt’s den
„Harlekin“, den „Vogelfänger“ oder den „Techniker“. Je
Typ sind ca. 45 Abzüge von vier Druckstöcken entstanden.
Accessoirs, kleine Embleme und Beigaben (wie die Glöckchen an der
Narrenkappe) sind ersichtlich, alles gehöre, wie Jürgen Middelmann
betont, „zu einer lebendigen Gesellschaft“.
Und dieses alles
zerbricht dann wieder in dicke Brocken in dem jüngsten Rauhzyklus,
entstanden zu Silvester 2024. Hier geht es schroffer und
scharfkantiger zu, fast zyklopenhaft. Diesem Zyklus mit 206 Blättern
liegen 40 Zeichnungen zugrunde, übertragen auf 6 Druckstöcke auch
wieder im Verlorenen Schnitt der Platte entstanden.
Ein Kopf ist ja in
unserer Wirklichkeit ein plastisch 3dimensionales Gebilde.- Auf dem
Blatt sind die Köpfe aber weder perspektivisch noch
raumillusionistisch gesehen und doch wirken sie plastisch,
kraftvoll kaleidoskopartig und kernig klar, aber zugleich auch wieder
verunklart im Ganzen. Einzelne Akzente treten schlaglichtartig hervor
und verschwinden wieder. Es bildet sich neue Formen des
Verschobenseins und der Verflochtenheit heraus, fast wie eine
Undercover Existenz. Sind es überhaupt immer andere Typen oder sind
es nur andere Stimmungen eines einzigen Menschen? Und doch ist alles
durchaus abhängig vom Auge der Betrachtenden. Die Fernwirkung an den
Zementbändern tut ein Übriges, der Betrachtungsabstand ist
vorgegeben.
Ein Künstler ist
ein Künstler, wenn er in seiner Zeit und zugleich
außerhalb seiner Zeit steht. Er schöpft wissentlich
oder unwissentlich aus der Tradition, ohne dass er manchmal weiß.
Lassen wir die Tradition der christlichen Kunst mal – gerade auch
ihrer Handwerklichkeit wegen- im Mittelalter beginnen.
Etwa vom 12. Jh. an,
ist das Wort „Ars“ = Kunst ganzheitlich zu verstehen.
Damals dienten alle Verfahren, seien sie handwerklich, instrumental
oder intellektuell dazu, einen unbearbeiteten Stoff zu zähmen und
ihn für immer raffiniertere Verwendungen brauchbar zu machen.
Handwerkliche Techniken, Ethik und Ästhetik gingen
ineinander über. Und ganz aktuell neu hat der Sprachwissenschaftler
Roland Kaehlbrandt für die Kunstbetrachtung herausgefunden: „Die
höchste Liebe und die höchste Kunst ist die Andacht.“ (Was für
ein mittelalterliches Wort)
Die Spiritualität
ist im abendländischen Europa christlich geprägt. Der französische
Mediävist Georges Duby stellte fest: „Ein Kunstwerk ist im Grunde
der Versuch, die Grenze, die die gewöhnliche, banale Welt, die die
sichtbare von der unsichtbaren, der „anderen“ Welt trennt, zu
überschreiten, zu durchbrechen. Kunst und Spiritualität sind
miteinander verbunden.
Das war durch die
Jahrhunderte so bei den Altarbildern, die neben der Andacht der
christlichen Unterweisung für die Nicht-Lesenden dienten.
Symbolistisch aufgeladen wurden die Bilder der Nazarener und die
bebilderten Hausbibeln von Schnorr von Carolsfeld um1800. C.D,
Friedrich, der von 1774 -1840 gelebt hat überhöhte die Natur und es
gelang ihm, eine pantheistische Spiritualität zu vermitteln. Die
Wissenschaften entwickelten sich immer weiter, die gesellschaftlichen
Reibungen auch.
Und dabei stellen
sich auch die ethischen und ästhetischen Fragen, z. B. wie eng
Schönheit mit Wahrheit verbunden? Paula Modersohn-Becker meint:
„Schönheit ist die Stärke, mit der ein Gegenstand erfasst wird.“
(Und ich sage gern: Die Kraft, die man in ein Kunstwerk eingibt,
kommt auch wieder heraus)
Für unsere Zeit hat
der Kubismus im 20. Jahrhundert das Menschenbild existentiell
hinterfragt und darum gerungen, als Otto Dix oder Max Beckmann
nicht die Kriegstüchtigkeit sondern expressive Hilflosigkeit und
Verzweiflung wiedergegeben haben. Und ein die Wirklichkeit
verzerrender Surrealismus (Max Ernst, Hans Arp) wird zu einer
trotzigen Antwort auf die Torheit der Welt.
Zurück zu diesen
Köpfen: Entstanden ist hier eine Mischung von kreativer Inspiration
und äußerster handwerklicher Akribie im Sinne der alten
Arsauffassung.
Was bringen die
Verdichtungen, die Zersplitterungen im Übereinanderdrucken? Wann
wird ein Mehr zu einem Zuviel, wenn 72 Drucke für eine einzige Tafel
zusammengefügt werden ? „Eigentlich setzt sich meine Arbeit aus
beidem zusammen, dem Gewollten und dem nicht mehr Planbaren“, sagt
der Künstler. Wo liegen die Grenzen? Es sind die individuellen
Entscheidungen eines Künstlers.
Wann führen diese
Spannungen in das Paradoxe? Oder anders, müssen sie
nicht zum Paradoxen führen? Wird das Paradoxe, das
Widersprüchliche, das nicht auflösbar ist, vielleicht gerade auch
zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit?
<Paradox ist
unsere Wahrnehmung der Welt im Zeitalter des Anthropozäns, wo
uns ein Zirkelschluss nach dem anderen erwartet. Man hat erforscht,
dass es ohne Erdatmosphäre kein biologisches Leben und ohne
biologisches Leben keine Erdatmosphäre gibt. Also müssen Biosphäre
und Atmosphäre zusammen ein homostatisches System bilden, das die
Schwankungen aussteuert in einem selbst regelnden Systemzusammenhang,
der aber -man höre- schwersten durch den so wissenschaftlichen
Menschen bedroht ist. Oder: Passend zu unserer hohen sozialen
Sensibilität mitsamt dem Gendern und den filigranen empathischen
Verästelungen in unserer Sprache zeigen sich paradoxerweise neue
brutalste Kriege, die wir nicht steuern können, ebenso wenig können
wie den ausbeuterischen Umgang mit unserem blauen Planeten.>
Zurück zur Kunst,
die durch ihre homostatische Wirkung immer sehr mächtig war und ist,
und deshalb als not-wendig gebraucht wurde und die das Zeug
hat, zu einem Teil der eigenen Weltsicht des Kunstbetrachtenden
werden zu können. Sie führte als Hauptbestandteil der Kultur immer
auch zu Feiern und Festen, indem sie das Gleichgewicht zur Welt
wieder herstellte. Und daher war sie ebenso not-wendig wie das
Alltägliche.
<Vielleicht
sollte man das bei der Entwidmung der vielen Kirchen hier einmal
mitbedenken. Duby hat übrigens erforscht, dass weltliche und
religiöse Feste im Mittelalter eng verbunden waren, die weltlichen
Relikte seien im Laufe der Geschichte aber viel schneller
verschwunden.>
Geben wir ihm noch
einmal das Wort: „Das Kunstwerk entspringt aus dem Dunkel, es
verneint das Dunkel, es ist ein Aufblitzen vor dem Licht, dem
sichtbarsten Ausdruck des Göttlichen“. Eben das haben wir ein
bisschen an diesem Tag in diesem Raum einzufangen versucht.
Heidrun Wirth