ReiseReise - Station I - Bad Honnef
Vernissage: 30. August 2026 um 11 Uhr
Einführung in die Ausstellung: Alexandra Wendorf
Musik: Markus Rundel (Cello)
Grußwort: Cornelia Nasner
Ausstellungsort: Kunstraum Bad Honnef, Rathausplatz 3
Ausstellungsdauer: 30.8. – 20.9.2026
Öffnungszeiten: Fr. 16 – 19 Uhr,
Sa. und So. 11 – 14 Uhr
Künstlergespräch: 11. September um 19:30 Uhr
Die
ReiseReise
Werkreihe
fasst
in mancherlei Hinsicht die letzten 20 Jahre meines Schaffens
zusammen. Hier tauchen Motive und formale Strategien auf, die in den
vergangenen Werkgruppen gefunden und entwickelt wurden. So finden wir
den altmeisterlichen Bildaufbau der Planquadrate (2000 – 2004), die
Farbbehandlung der Organic System Phase (2007 – 2012), das flächige
Volumen des Dunklen Lichtes (2013 – 2017) und das Narrativ des
Passionszyklus (2018). In dieser Werkreihe werden formale und
inhaltliche Komponenten neu zusammengefügt.
So
setzt sich der Zug von Bonn aus in Bewegung und macht Halt am
Kunstraum Bad Honnef. Die Ladung dreier Güterwaggons wird entladen,
um sie allen Interessierten zur Ansicht für drei volle Wochen zur
Verfügung zu stellen. Im ersten Waggon befinden sich vielgestaltige Zeichnungen, die ihren Charakter durch eine offensichtlich
schnelle und intuitive Arbeitsweise erlangt haben. Im zweiten Waggon
befindet sich Druckware, die ein Ergebnis durchwirkter
Holzschnittarbeit ist. Und im bereits fertig beladenen dritten
Güterwaggon befindet sich großformatige Flachware in Form von
Temperabildern.
Sinn
dieser dreigestaltigen Lieferung ist das handwerkliche und motivische
Ineinanderwirken der einzelnen Warengruppen. So wird der
Herstellungsprozess transparent und erweitert die Sicht auf einen
althergebrachten Bildbegriff. In jeder Fertigungsphase erscheint uns
das gleiche Bildmotiv stets anders.
Hier entsteht ein Verlaufstagebuch zur Ausstellung:
5. Oktober 2026
Im Nachgang der Ausstellung wird noch eine Arbeit verkauft. Damit schneint jetzt aber die Ausstellung beendet zu sein.
28. September 2026
Die bestellten Bilder werden nach Bad Honnef ausgeliefert. Auch solche Tage gehören zu einer Ausstellung. Ich kann die verkauften Arbeiten zu den Käufern bringen und ein wenig sehen wohin die Bilder kommen. Es wird alles gut aufgehoben sein und so gibt es noch einen schönen Nachmittag.
21. September 2026
Abbau der Ausstellung. Am Morgen hole ich die großen Bilder aus Bad Honnef und gegen 11:30 Uhr ist dann der Ausstellungsraum leer. Alles hat sehr gut geklappt und die Bilder landen wieder wohlbehalten im Atelier. Jetzt beginnt noch die Nacharbeit und das Wegräumen der Ausstellung.
Das dritte und damit letzte Ausstellungswochenende 18. - 20. September 2026
Am letzten Wochenende gibt es noch mal einen schönen Besucherzulauf. 39 Gäste besuchen die Ausstellung und nehmen sich viel Zeit. So kommen KollegInnen, Menschen, die ich viele Jahre nicht gesehen hatte, Nachbarn, eine Kunstjournalistin, KursteilnehmerInnen und die Leitung einiger Ausstellungshäuser der Region. Unterm Strich ernte ich unglaublich viel Zuspruch und Anerkennung für die Arbeit. Die Ausstellung wird von 235 Menschen besucht. Ich bin mit der Duchführung und der Resonanz sehr zufrieden.
Kleiner Film der Kollegin Ulla Hieronymi-Pinnock
15. September 2026
Der Film zur Ausstellung ist fertig.
Das zweite Ausstellungswochenende 11. - 13. September 2026
39 Gäste darf ich in der Ausstellung begrüßen. Davon waren allerdings 17 Besucher bei dem Künstlergespräch. Während der Öffnungszeiten am Freitag und Samstag ist es schon zäh. Sonntagmorgen kamen die Besucher ab 12 Uhr. Zum Abschluss des Ausstellungswochenendes kommt am Wochenendkurs mein aus dem Atelier. Es war ein intensiver zweistündiger Austausch.
Eine weitere Arbeit wird resereviert zum Verkauf. Dieses ergibt sich im Rahmen des Künstlergespräches am Freitagabend.
11. September 2026 - Das Künstlergespräch
Es ist ein Künstlergespräch angesetzt. 17 Besucher sind gekommen und ich habe einen Rundgang durch die Ausstellung vorbereitet. Genauer gesagt führe ich entlang der 25 Jahre künstlerischer Arbeit und lande in der jetzigen Ausstellung. Dort verdeutliche ich dann wie die Errungenschaften in die jetzigen Bilder einfließen.
Wir starten bei Four Marvin II aus dem Jahr 2002
Das ist ein Bild aus dem Ende meines Studiums. die Bildarchitektur war angelegt. Es wird eine Art Traumcollage mit gegenständlichen, figürlichen und rätselhaften Versatzstücken gezeigt. Alles spielt sich vor einem Bildraum ab der durch Farbflächen gekennzeichnet ist. Es gibt keinen angedeuteten realistischen Realraum wie z.B. eine Landschaft oder eine Raumszene. Das Bild entstand damals aus der bildnerischen Ordnung des Chaos.
Ich habe den Entstehungsprozess dieses Bildes für das Künstlergespräch vorbereitet.
Dann werden diese Bilder verlassen um Eigentum zu erringen - eigene Farbigkeit, eigener Farbauftrag, eigen Formen - und Motivsprache, eigene Figurendarstellung. Es beginnt die lange Zeit der Diskurse.
Gehen dann gemeinsam entlang der Werkreihen von Farbe und Form
Zunächst wird alles gegegständliche entfernt und die Farbflächen bleiben über. Hier beginnt nun 2006 eine Farbuntersuchung - wie kann ich Farbe auftragen und welche räumliche und emotionale Wirkung hat Farbe. Das Prinzip der Setzung und Farbschichtung wird aus dem Holzschnitt übernommen.
Im zweiten Schritt wird ab ca. 2013 die Farbe aus den Bildern genommen. Stattdessen werden Verläufe eingefügt und die Bilder über das Hell / Dunkel gebildet. es entstehen Volumen aus der Fläche. Diese Werkreihe dauert bis 2017 und endet mit einer großen Holzschnittarbeit.
Danach werden diese Prinzipien wieder auf die Gegenständlichkeit angewendet - im ersten Schritt auf den Kopf. Aus den Hell / Dunkellinien werden farbige Flächen, die räumlich gegeneinander gesetzt werden.
Damit hatte ich meine Gestaltungsprinzipien zusammengesammelt. Mit Hilfe des Holzschnittes entwickelte ich noch den Zusammenhang zwischen Motiv und Farbwirkung. Anhand von zwei Holschnitten kann ich das in der Ausstellung wunderbar demonstrieren. Ich habe für dieses Künstlergespräch Druckstöcke und Farbvarianten vorbereitet.
Am Holzschnitt "ReiseReise - Der Aufbruch" wird das Ausprobieren der Farbwirkung erklärt.
Komposition und Farbwirkung wird an den Holzschnitten "In der Nacht" erklärt.
Nun kann ich verdeutlichen wie heute ein Bild entsteht. Es gibt Zeichnungsreihen, die als Brainstorming funktionieren. Danach wird im Holzschnitt Komposition und Farbigkeit ausgetestet und danach entsteht das Bild. Innerhalb der Ausstellung wurde dieses an einer Wand gezeigt. Es ist ein Motiv, aber drei ganz unterschiedliche Bildwirkungen. Dieses Durcharbeiten der Motive geschieht nicht zwangsläufig bei jedem Bild. Manchmal entsteht nur ein Holzschnitt, manchmal nur ein Gemälde.
Zum Schluss wird noch der heutige Bildaufbau erklärt. Er resultiert aus allen entwickelten Schritten der vergangenen 25 Jahre. Heute gibt es mehr Bildplanung, die aus dem Fertigen der Holzschnitte resultiert.
Zeichnungsentwürfe
Bild von der übertragenden Zeichnung, über die Hell / Dunkeluntermalung, dem groben Farbentwurf und dem farblichen Durcharbeiten des Bildes.
Das alles kann detailliert in älteren Posts nachgelesen werden.
4. - 6. September 2026
Es ist das erste Ausstellungswochenende. Ich mache Aufsicht und tatsächlich kommt Besuch. An dem Wochenende schauen sich 32 Menschen die Ausstellung an und nur zwei von ihnen kenne ich. Sie waren auch schon auf der Vernissage. Alle anderen Besucher kamen aus Bad Honnef und Umgebung. Drei Arbeiten wurden verkauft und ich wundere mich ein wenig - es sind die düstersten Bilder der Ausstellung. Drei Kohlezeichnungen - bei dem ersten muss ich immer an den Rammstein Song "Bückstabü"denken, das zweite Blatt zeigt den kleinen Tod und das dritte einen allzu schrägen Kasper. "Kunst muss mich ein wenig aufregen. Ich muss daran wachsen." So der Kommentar des Käufers.
Sonntagabend gab es dann noch ein Konzert im Ausstellungsraum. Es kamen 30 Gäste.
4. September 2026
Der Zeitungsartikel zur Ausstellung erscheint in der Bonner Rundschau von Heidrun Wirth
Ein großer Artikel mit schönem Foto.
Doch es gibt journalistische Fehler, die ich nicht wirklich verstehe. Es ist keine Retrospektive, es gibt keine ausgestellten Werkreihen und der große Holzschnitt wurde nicht im verlorenen Schnitt hergestellt zumal sie von 55 Druckstöcken spricht. Das hätte sie schon merken können. Heidrun Wirth war bei der Vernissage anwesend.
Ob diese Überschrift auch so gewählt werden musste - ich weiß nicht. Vieles wird beschrieben und erwähnt was nicht in der Ausstellung zu sehen ist - es gibt keinen Passionszyklus und keine Kopfreihen.
Dafür werden Elemente umgedeutet, sie werden malerisch wie inhaltlich neu geschöpft. Die Bildfindung nimmt einen deutlich anderen Weg worauf in der Ausstellung durch die Hängung verwiesen wird. Zeichnung, Holzschnitt und Malerei bekommen Aufgaben im Werk. Das alles wird über 20 Jahre entwickelt, gewinnt Gestalt und kann gelesen werden. Frau Wendorf hat dieses in Ihrer Rede sehr fein herausgearbeitet und blieb stets bei der Ausstellung, die jeder sehen konnte.
Ja tatsächlich nehmen beide Autorinnen eine Würdigung und Einordnung vor. Dafür bin ich dankbar - so oft geschieht das nicht im täglichen regionalen Kunstbetrieb.
Heute war auch der erste Ausstellungstag. Das ist immer eine Landung auf dem harten Boden der Realität. 10 Besucher kamen vorbei und nahmen ein paar Kleinigkeiten mit. Es war ok.
30. August 2026
Nun ist es endlich soweit. Die Ausstellung wird eröffnet. Es ist in allen Belangen großartig. Frau Nassner hält eine warme, wertschätzende Begrüßung. Danach bekommt Frau Wendorf das Wort und entfacht eine wirklich atemberaubende Rede. Ganz ruhig, sehr klar erklärt sie die Ausstellug. Viel Inhalt und Sachverstand lässt sich erkennen ohne in die üblichen Kunstfloskeln zu verfallen. Es ist eine Rede von gut 20 Minuten und niemand schaltet ab.
Alexandra Wendorf
Hier die Rede von Alexandra Wendorf:
Liebe Kunstfreunde, lieber Herr
Middelmann,
wenn
man den Titel dieser Ausstellung – „ReiseReise“ – zum ersten
Mal liest, denkt man vielleicht an Bewegung. An Aufbruch, an
Entfernung, an eine Reise von einem Ausgangspunkt zu einem Ziel.
Doch
die Reise, die wir hier erleben, funktioniert anders. Sie geht vor
und zurück, nimmt Umwege und kehrt immer wieder an frühere Orte
zurück – und entdeckt dort etwas Neues.
Denn
diese Ausstellung erzählt von mehr als zwei Jahrzehnten
künstlerischer Arbeit. Von Motiven, die verschwinden und Jahre
später wieder auftauchen. Von Techniken, die entwickelt, verändert
und miteinander verbunden werden. Und von einem Künstler, der sein
eigenes Werk immer wieder zum Ausgangspunkt neuer Bilder macht.
Am
Anfang dieser Reise steht ein Bild.
Sie
finden es gleich am Eingang. Es unterscheidet sich auf den ersten
Blick deutlich von den jüngeren Arbeiten. Und trotzdem scheint
bereits erstaunlich viel von dem darin enthalten zu sein, was uns
später wieder begegnet.
Ich
möchte es deshalb einmal das Urbild dieser Ausstellung nennen.
Wir
erkennen Körper, Gegenstände, technische Elemente, Pflanzenformen.
Alles scheint gegenständlich – und doch lässt sich das Ganze
nicht in eine eindeutige Geschichte übersetzen.
Es
hat etwas von einem Traumbild.
Die
Dinge sind uns bekannt, aber ihre Beziehungen zueinander sind es
nicht. Maßstäbe verschieben sich, Gegenstände tauchen an
unerwarteten Stellen auf, Körper verbinden sich mit Formen, deren
Funktion rätselhaft bleibt.
Und
diese eigenartige Bildwelt begleitet Middelmann bis in die heutigen
Arbeiten.
Auch
dort begegnen uns Menschen – aber eigentlich keine realen Personen.
Middelmann malt keine Porträts. Seine Figuren sind Kunstfiguren.
Ihre
Körper sind menschlich und zugleich eigentümlich verwandelt. Köpfe
werden geknickt und gefaltet, Gesichter aus Flächen zusammengesetzt,
Hände und Arme übersteigert. Man erkennt den Menschen sofort –
und weiß gleichzeitig, dass ein solcher Mensch niemals vor einem
stehen könnte.
Hier
öffnet sich ein kunsthistorischer Resonanzraum.
Natürlich
kann man an den Kubismus denken, an jene fundamentale Veränderung
des Sehens zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als ein Körper nicht mehr
zwingend von einem einzigen Standpunkt aus dargestellt werden musste.
Ein Gesicht konnte zerlegt, aus unterschiedlichen Ansichten
zusammengesetzt und neu konstruiert werden.
Manche
Köpfe Middelmanns lassen für mich außerdem an Otto Freundlich
denken: an die Reduktion des menschlichen Kopfes auf kraftvolle,
gegeneinander gesetzte Formen. Nicht als direkte Übernahme, sondern
als eine entfernte kunsthistorische Verwandtschaft.
Middelmanns
Figuren haben etwas Märchenhaftes und Theatralisches. Sie erinnern
an Ritter, Narren, Harlekine oder Schauspieler. Es sind Gestalten,
die uns vertraut erscheinen, obwohl wir ihre Geschichte nicht kennen.
Jürgen
Middelmann malt eine irrationale Welt mit großer systematischer
Genauigkeit. Denn so phantastisch und bisweilen grotesk diese Bilder
wirken – ihre Entstehung ist ausgesprochen strukturiert. Und an
einer Wand dieser Ausstellung können wir diesen Prozess besonders
schön nachvollziehen.
Dort
sehen wir nämlich drei Zustände einer Komposition.
Zunächst
die Kohlezeichnung.
Sie
ist schnell, unmittelbar und noch offen. Eine Idee wird festgehalten.
Formen können sich verändern, Beziehungen zwischen den Figuren sind
noch beweglich.
Dann
folgt eine farbige Fassung im kleineren Format – und zwar im
Holzschnitt.
Nun
wird erprobt: Wie verhalten sich die Figuren zueinander? Wie
funktioniert der Raum? Welche Farben tragen die Komposition? Wo
braucht das Bild Helligkeit, wo Dunkelheit?
Und
schließlich das große Gemälde.
Hier
kommt zusammen, was zuvor untersucht worden ist. Die Komposition ist
gesetzt, die Farbigkeit entschieden, die räumliche Wirkung
ausformuliert.
Diese
drei Arbeiten zeigen deshalb nicht einfach dreimal dasselbe Motiv.
Sie zeigen drei Stadien eines bildnerischen Denkprozesses.
Die
Zeichnung sucht.
Der
Holzschnitt ordnet und prüft.
Die
Malerei entscheidet.
Und
damit verstehen wir vielleicht auch die besondere Maltechnik der
großen Bilder etwas besser.
Wenn
Sie später vor eines dieser Gemälde treten, gehen Sie einmal sehr
nahe heran. Dann verlieren die Figuren plötzlich ihre
Selbstverständlichkeit. Wo eben noch ein Gesicht, ein Arm oder ein
Schatten war, sehen Sie kleine Striche, Punkte und Farbfelder – ein
dichtes, fast systematisches Geflecht.
Gehen
Sie anschließend einige Meter zurück.
Dann
verbinden sich diese einzelnen Setzungen. Farbe beginnt zu leuchten,
Volumen entsteht, Licht fällt auf Körper.
Natürlich
kann man dabei an den Pointillismus denken. Nicht, weil Middelmann
wie Seurat oder Signac malen würde. Aber das optische Prinzip ist
verwandt: Das Bild entsteht nicht allein auf der Leinwand. Ein Teil
seiner Wirkung entsteht erst im Auge des Betrachters.
Die
Entfernung gehört gewissermaßen zum Bild.
Und
diese Malweise ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses.
Zwischen
dem frühen gegenständlichen Werk und den heutigen Bildern liegen
Werkgruppen, in denen Middelmann die Gegenständlichkeit zeitweise
weitgehend verlässt. Er beschäftigt sich mit Farbe, mit Struktur
und später nahezu monochrom mit Licht und Schatten.
Das
scheint mir für die heutigen Bilder entscheidend zu sein.
Man
könnte die Entwicklung vereinfacht so beschreiben:
Er
verlässt die Figur, um die Farbe zu untersuchen. (Organic System
Phase 2007-2012).
Dann
reduziert er die Farbe, um Licht und Volumen zu untersuchen. (Dunkles
Licht 2013-2017)
Und
schließlich kehrt er zur Figur zurück – nun aber mit all diesen
Erfahrungen. Passionszyklus ( 2018)
Deshalb
sind die heutigen Bilder keine Rückkehr zum Anfang. Es ist eine
Rückkehr mit einem erheblich erweiterten malerischen
Instrumentarium.
Und
nun geschieht etwas besonders Interessantes:
Auch
die Motive des frühen Bildes kehren zurück.
Sie
werden herausgelöst, vergrößert, verändert und in neue
Zusammenhänge gestellt. Eine Figur, eine Hand, ein Gegenstand oder
eine Form kann plötzlich Jahrzehnte später wieder auftauchen.
Das
eigene Werk wird dadurch zu einer Art Bildgedächtnis.
Middelmann
wiederholt seine früheren Bilder nicht. Er verarbeitet sie.
Und
Erinnerung funktioniert schließlich auch nicht wie ein Archiv, aus
dem wir etwas unverändert hervorholen. Erinnerung verändert,
verschiebt, verbindet und lässt anderes verschwinden.
Das
vermeintliche Urbild enthält also bereits einen Kosmos, den
Middelmann anschließend über Jahre auseinandernimmt.
Die
Figur wird untersucht.
Der
Kopf wird untersucht.
Die
Farbe wird untersucht.
Das
Licht wird untersucht.
Und
in den jüngsten Arbeiten beginnt er, diese einzelnen Erfahrungen
wieder zusammenzuführen.
Besonders
eindrucksvoll lässt sich diese Arbeitsweise an den Holzschnitten
beobachten.
Der
menschliche Kopf wird dort zum Experimentierfeld. Augen, Nase und
Mund werden verschoben, vereinfacht und gegeneinander gekippt. Das
Gesicht zerfällt in einzelne Formen – und bleibt trotzdem
erstaunlich menschlich.
Gerade
der Holzschnitt scheint für Middelmann ein besonders geeignetes
Medium zu sein. Denn kaum eine andere Technik verlangt ein derart
vorausschauendes und strukturiertes Arbeiten.
Beim
Malen kann eine Farbe noch verändert, eine Form korrigiert oder eine
Fläche überarbeitet werden. Der Holzschnitt funktioniert anders.
Hier muss entschieden werden, was stehen bleibt und was
weggeschnitten wird. Fläche gegen Linie, Positiv gegen Negativ.
Beim
Farbholzschnitt wird dieser Prozess noch komplexer. Denn die Farben
entstehen nicht gleichzeitig. Sie werden Schicht für Schicht
vorbereitet und mit großer Präzision übereinandergedruckt.
Farbe
für Farbe baut sich das Bild auf.
Und
jede neue Schicht muss sich zu den bereits vorhandenen verhalten.
Formen müssen aufeinandertreffen, Aussparungen stimmen, Farbflächen
miteinander korrespondieren. Das fertige Bild muss also in gewisser
Weise gedanklich schon vorhanden sein, bevor es tatsächlich sichtbar
wird.
Gerade
darin scheint mir eine bemerkenswerte Nähe zu Middelmanns gesamter
Arbeitsweise zu liegen.
Seine
Bildwelten können verspielt, märchenhaft oder sogar irrational
erscheinen. Ihr Aufbau aber folgt einer klaren Ordnung. Und im
Holzschnitt wird diese Ordnung geradezu technisch notwendig: Ein
komplexes Bild entsteht aus vielen einzelnen, präzise geplanten
Entscheidungen.
Das
Interessante ist, dass diese Präzision keineswegs zu Starrheit
führt.
Im
Gegenteil.
Durch
das Übereinanderschichten der Farben entstehen neue Farbtöne,
Übergänge und räumliche Wirkungen. Aus einem streng geplanten
Verfahren entwickelt sich eine erstaunlich lebendige Oberfläche.
Und
auch deshalb passt der Holzschnitt so gut zu Middelmanns Köpfen.
Denn
das Medium zwingt zur Vereinfachung und Zuspitzung. Aus einem Gesicht
werden Flächen, Kanten und Farbformen. Das Kubistische, das wir in
diesen Köpfen erkennen können, liegt also nicht nur im Motiv – es
wird durch die Technik des Holzschnitts zusätzlich herausgearbeitet.
Und
damit komme ich zu einem Werk, das für mich eine zentrale Stellung
in dieser Ausstellung einnimmt: dem großen violetten Werk an der
Stirnseite.
Schon
sein Aufbau unterscheidet sich deutlich von den übrigen Arbeiten.
In
der Mitte befindet sich eine große Komposition, ringsherum
gruppieren sich zahlreiche kleinere Bildfelder.
Und
plötzlich öffnet sich noch einmal eine ganz andere kunsthistorische
Verbindung.
Eine
solche Hierarchie des Bildes kennen wir aus der europäischen Kunst
seit Jahrhunderten: aus Altären und Retabeln ebenso wie – in
anderer Form – aus der Ikonenmalerei. Eine zentrale Darstellung
wird von kleineren Szenen oder Figuren umgeben. Mitte und Rand
besitzen unterschiedliche Funktionen und bilden dennoch ein Ganzes.
Natürlich
haben wir hier kein religiöses Bild vor uns.
Aber
Middelmann verwendet eine vergleichbare Bildarchitektur, um seinen
eigenen Kosmos zu organisieren.
Und
deshalb möchte ich dieses Werk einmal etwas zugespitzt als ein
Retabel des eigenen Bildgedächtnisses bezeichnen.
Nicht
religiös in seinem Inhalt. Aber verwandt in der Vorstellung, dass
ein großes Bild die Welt nicht einfach abbildet, sondern sie ordnet.
Figuren,
Köpfe, Gegenstände und Fragmente, die uns an anderer Stelle der
Ausstellung begegnen, werden hier miteinander in Beziehung gesetzt.
Damit
schließt sich für mich der Kreis.
Am
Anfang steht ein Bild, das sehr vieles gleichzeitig enthält.
Dann
verbringt Middelmann mehr als zwanzig Jahre damit, diese Welt
auseinanderzunehmen: ihre Figuren, ihre Köpfe, ihre Farben, ihr
Licht, ihre Formen.
Und
schließlich beginnt die Gegenbewegung.
Er
setzt sie wieder zusammen.
Aber
es ist jetzt nicht mehr dieselbe Welt.
Denn
jeder ihrer Bestandteile hat inzwischen seine eigene Geschichte.
Wir
sehen einen Künstler, der sich über Jahrzehnte verändert, ohne
seine Vergangenheit abzustreifen.
Eine
frühe Figur kann nach zwanzig Jahren wiederkehren.
Eine
abstrakte Untersuchung von Licht und Schatten kann plötzlich einem
menschlichen Körper Volumen verleihen.
Die
Auseinandersetzung mit kubistischen Formen kann in einer
märchenhaften Kunstfigur weiterleben.
Eine
jahrhundertealte Bildordnung kann zum Ordnungsprinzip einer
vollkommen persönlichen Gegenwart werden.
Und
aus einer schnellen Kohlezeichnung kann schließlich ein großes, bis
ins Detail durchgearbeitetes Gemälde entstehen.
Vielleicht
bedeutet „ReiseReise“ deshalb am Ende gerade nicht, möglichst
weit vom Ausgangspunkt fortzukommen. Vielleicht besteht die
eigentliche Reise darin, zum Ausgangspunkt zurückkehren zu können –
und ihn mit anderen Augen zu sehen.
Denn
das Bild am Eingang ist noch immer dasselbe.
Aber
nachdem wir diese Ausstellung gesehen haben, sehen wir es anders.
Aus
diesem einen Bild sind über mehr als zwanzig Jahre viele Bilder
geworden. Und aus diesen vielen Bildern entsteht nun wieder eine
Welt.
Ich
wünsche Ihnen viel Freude dabei, diese Welt zu entdecken.
Danach erklingt die Cellosonate von Zoltán Kodály gespielt von Markus Rundel. Es war ein Ereignis. Nach gut einer halben Stunde verhallte der letzte zarte Ton dieser Musik und man hätte eine Stecknadel fallen hören können auf dem Teppichboden.
Markus Rundel
Das ausgewählte Musikstück für die Vernissage:
Danach bedanke ich mich bei allen Gästen, dem Verein, der Rednerin und dem Musiker. Der offizielle Teil der Ausstellung ist nach einer 3/4 Stunde beendet.
Selbst, Alexandra Wendorf, Cornelia Nasner
Die
Ausstellung ist eröffnet und kann nun beginnen. Nach 6 Jahren Arbeit und der letzten Einzelausstellung in Sinzig, werden die ersten Arbeiten dieser Werkreihe im Öffentlichen Kunstbetrieb
gezeigt. Ca. 100 Gäste sind gekommen. Meine Familie, Nachbarn, Kollegen
aus Studium und der regionalen Kunstszene, ein Großteil meiner
Kursteilnehmer, alte Weggefährten, Freunde des Vereins und Kunstfreunde
des Nachbarortes kamen um mitzufeiern.
Hier nun die gesamte Ausstellung:
28. August 2026
Georg Divossen macht seit vielen Jahren Filme von meiner Arbeit. So kann man anhand von Ausstellungen und den Filmdokumentationen meinen Weg nachvollziehen. Dialog - Dunkles Licht in der Bezirksregierung Köln, Arbeiten02 - 20 in der Alten Druckerei Sinzig und ReiseReise - Offenes Atelier 23/24 wurden in Filmen festgehalten. Nun haben wir heute Morgen den neuen Film besprochen und tatsächlich ein Experiment beschlossen. Es soll ein Film ohne Text, ohne gesprochenes Wort geben. Alles soll filmisch über Bilder, Kamerafahrten und Schnitte erfolgen. Ich bin gespannt ob es klappt - es würde mich sehr freuen!
25. August 2026
Franz Heinbach macht seit vielen Jahren die Fotos für mich. Alle Repoduktionen sind von ihm und bei größeren Ausstellungen macht er auch die Dokumentation der Ausstellung. Zuletzt 2024 im Künstlerforum Bonn. sowie meine Ausstellung von 2016 in Bad Honnef. So gibt es heute wieder einen Fototermin um auch diese Ausstellung im Bild festzuhalten. 1,5 Stunden waren wir vor Ort, schoben die aufgestellten Tische mit den Zeichnungen aus den Bildausschnitten und setzten das Licht noch einmal genauer.
24. August 2026
Die letzten Aufbauarbeiten werden erledigt. Bilderglas wird geputzt, die Beleuchtung wird feinjustiert und der Verkaufstisch mit Karten, Katalogen und einigen Holzschnitten wird hergerichtet.
16. August 2026
Ich hänge mit Anja die großen Bilder noch auf die vorbereiteten Haken. Die ganze Ausstellung hängt jetzt und sieht ziemlich gut aus. Bis zur Eröffnung sind nun noch 2 Wochen Zeit.
14. August 2026
Ausstellungsliste in die Ausstellung gebracht und Nummerierung angebracht. In der Liste gibt es einen Fehler, der aber nun stehen bleibt. 50 Listen werden ausgelegt.
Hier werden die Listen ohne Preisangaben veröffentlicht
12. August 2026
Heute wird die Ausstellung in ihre endgültige Form gebracht. Kleine, aber wichtige Verschiebungen werden nach Diskussion mit meinem Kurator vorgenommen. Die Aufhängungen werden in die richtige Position gebracht. Am Samstag werden dann die großen Bilder noch eingehangen. Optisch ergeben sich zwei Ausstellungsräume obwohl der Kunstraum nur einen roßen Raum hat. Dazwischen gibt es allerdings eine Stufe, die wir genutzt haben um im "höheren" Teil einen in sich geschlossenen Bereich zu hängen. Alles wird rund und stimmig.
Heute wurde auch noch ganz offiziell die Einladung vom Kunstraum verschickt:
Liebe Kunstinteressierte,
sehr geehrte Damen und Herren,
am 30. August endet die Sommerpause im Kunstraum - wir freuen uns, dann
wieder eine neue Ausstellung eröffnen zu können.
Jürgen Middelmann präsentiert Werke unter dem Titel "ReiseReise -
Station I - Bad Honnef". Die Einladung finden Sie im Anhang. Geben Sie
sie gerne auch an Freunde und Bekannte weiter.
Ich wünsche Ihnen weiter einen schönen Sommer - trotz der Hitze - und
freue mich auf ein Wiedersehen Ende August im Kunstraum!
Herzliche Grüße
Cornelia Nasner
(Vorsitzende des Vereins zur Förderung von Kunst & Kultur in Bad Honnef
e.V.)
11. August 2026
Die großen Bilder werden transportiert. Das geht natürlich nur mit einem gemieteten Transporter, den ich wie immer bei der Firma Hertz abhole. Heute gab es eine derbe Überraschung. Man wollte mir für eine Tagesmiete (ca. 50 €) auch noch eine Gesamtkaution von ca. 1150 € berechnen. Das sollte man wohl mal vorher wissen. oder? Bisher, also vor 3 Jahren, habe ich 250 € Kaution hinterlegt. diese wurden dann am Abend bei Rückgabe verrechnet und ich kam mein Geld zurück. Nun läuft alles über EC Karte und ich bekomme meine Kaution in einigen Tagen zurück. Es läuft darauf hinaus, dass ich eine andere Firma suche.
Der Transport hat wunderbar geklappt und die Bilder passen hervorragend in diesen Kunstraum von Bad Honnef. Es wird Klasse aussehen.
Der Transporter vor dem Kunstraum Bad Honnef.
Ausladen und Auspacken der Bilder. Erstes Stellen der Ausstellung
9. August 2026
Die ersten Bilder werden aufgehangen. Der Anfang und das Ende der Ausstellung ist damit klar und festgelegt. Am Eingang hängt eine Arbeit aus den ersten Jahren meiner künstlerischen Tätigkeit (Four Marvin II, 224 x 150 cm, Acryl auf Papier, 2002). Von hier aus wird der Bogen in die Ausstellung geschlagen. Die Bildanlage und einzelne Elemente kann man auch in den aktuellen Bildern wiederfinden.
Am Ende der Ausstellung hängen 5 Holzschnitte aus den Jahren 2020. 2021 und 2026. Hier hängt auch die letzte entstandene Arbeit aus diesem Jahr (Andrehas). Es sind die Cross over Holzschnitte, in denen die Elemente der vergangenen Jahre und Werkreihen nun neu zu einem Bild zusammengefügt werden. Damit hatte ich 2020 bei der Vorbereitung zur großen Grafikausstellung in Sinzig begonnen.
8. August 2026
Erste Bilder und die Platten für die Zeichnungen werden in den Kunstraum gebracht. So wird auch die erste ganz grobe räumliche Struktur angelegt.
7. August 2026
Alle Arbeiten sind eingepackt und stehen für den Transport bereit. Zum ersten Mal habe ich die Bilder in Luftpolsterfolie verpackt. Die Oberflächen sind mir etwas zu empfindlich. Holzschnitte wurden gerahmt und die alte Papierarbeit wird an Klammern gehangen.
Verpackte Arbeiten im Atelier - die ganze Ausstellung
6. August 2026
Frau Wendorf kommt ins Atelier zur Vorbesprechung der Eröffnungsrede. Die ganzen Arbeiten stehen sortiert im Atelier. Mit Herrn Rundel bespreche ich die Musik der Vernissage. Er hat ein tolles Stück ausgewält.
27. Juli bis 3. August
Am 27. Juli beginne ich mit der Sortierung und Zusammenstellung der Arbeiten. Zeichnungen werden aus dem Archiv gesucht und zusammengestellt. Die Holzschnitte werden zusammengetragen und gerahmt. Bilder werden aus dem Lager ins große Atelier geholt und Aufhängungen befestigt. Es werden vorhandene Platten neu gestrichen. Sie dienen als Ablagefläche für die Zeichnungen. Auch die Stellböcke werden weiß gestrichen. All das wird in der Woche vom 27.7 - 1.8.2026 erledigt.
Am 3. August hole ich die Plakate in Honnef ab und bekomme den Schlüssel. Die Einladungskarten sind mittlerweile auch fertig. Erste Plakate werden in Honnef aufgehangen und Einladungen in den Geschäften verteilt.
7. Juli 2026
Ich habe von allen angedachten Bildern die ausgestellt werden können Fotos gemacht. Ein exzellenter Kurator hat mir seine Hilfe angeboten und ich treffe ihn zum ersten Sondierungsgespräch. Es war ein Genuss dort meine Idee vorzutragen und verstanden zu werden. Wir sortierten gemeinsam die Fotos und es gab nach einer Stunde ein erstes grobes Konzept. Der Ausstellungsanfang sollte auf die Enstehung der Bildarchitektur verweisen und der Arbeitsprozess exemplarisch, aber nicht didaktisch sichtbar gemacht werden. Die Idee kam auf, Vitrinen mit Zeichnungen zu bestücken.
Das Thema Kopf mit Zeichnung, Holzschnitt und Bild
Die möglichen Holzschnitte und großen Bilder
Ein mögliches Tryptichon und die Zeichnungen